Sylt, eine besondere Insel
(1993)


Mein neuer „Leuchtturm-Trip“ führt mich diesmal in den Norden Deutschlands. Hier nahe der deutsch-dänischen Grenze liegt Deutschlands wohl bekannteste Insel – Sylt, die von Insidern nur schlicht „Die Insel“ genannt wird.

Mit einer Größe von 99 Quadratkilometern ist Sylt die größte der zahlreichen deutschen Inseln in der Nordsee. Aber wie lange noch? Unaufhörlich nagen Sturm und Gezeiten an der Insel und jährlich fallen ihnen ca. 8 Hektar der Landmasse zum Opfer. Sylt ist bekannt für seine bis zu 30 Meter hohen Sanddünen und wegen seines während des gesamten Jahres gesunden Seeklimas sehr beliebt. Viele Prominente aus Film, Fernsehen und Politik haben sich in zum Teil luxuriösen Villen in den romantischen Dörfern der Insel niedergelassen. Seit 1927 ist Sylt über den 11 Kilometer langen „Hindenburg-Damm“ – benannt nach dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847-1934) – mit dem Festland verbunden. Von morgens bis abends werden mit der Bahn Ströme von Touristen über diesen Weg auf die Insel transportiert. Zusätzlich zu den ca. 25.000 Einwohnern bevölkern jedes Jahr fast 1 Million Besucher die Insel.

Ganz im Süden von Sylt (54°45’N/8°18’E) wurde 1906 nahe der zu dieser Zeit einzigen Anlegestelle für die von Hamburg anlaufenden Dampfschiffe der Leuchtturm HÖRNUM (B 1732) gebaut. Der rote Turm mit seinem weißen Band wurde aus vielen Eisenplatten zusammengeschraubt. Diese Bauweise ermöglicht es, dass der Turm bei Bedarf wieder auseinander genommen und an anderer Stelle errichtet werden kann. Aufgrund seines erhöhten Standortes hat der an sich 33 Meter hohe Leuchtturm eine Feuerhöhe von 48 Metern. Sein Licht wird 20 Seemeilen hinaus auf das Meer getragen. Einzigartig in der Geschichte der deutschen Leuchttürme ist, dass HÖRNUM bis 1930 als Schule für die Kinder des gleichnamigen Ortes genutzt wurde. 1948 wurden mit dem Anschluss an das Stromnetz der Insel die alten Dieselgeneratoren abgeschaltet. Auch HÖRNUM´s Standort läuft Gefahr, eines Tages von der See gefressen zu werden. So ist bereits 1979 das alte Unterfeuer HÖRNUM eingestürzt und musste durch einen 7 Meter hohen rot-weißen Eisenturm ersetzt werden.

Auf dem Weg in den Norden der Insel passieren wir Westerland, den größten Ort der Insel. Hier kommen die Züge vom Festland an und hier befindet sich auch der einzige Flugplatz. Gleich neben dem Flugfeld liegt ein herrlicher Golfplatz. Nach etwa 5 weiteren Kilometern erreicht man den kleinen Ort Kampen, wo gleich zwei Leuchttürme stehen. Zunächst ist dort der außer Dienst gestellte achteckige und neun Meter hohe Turm ROTE KLIFF (55°58’N/8°20’E). Er steht an der Westklippe der Insel inmitten der grasbewachsenen Dünen. Seine Aufgabe war es, die Schiffe und Boote vor der langen Sandbank im Westen der Insel zu warnen. Der Turm ROTE KLIFF wurde 1913 aus roten Backsteinen gebaut und war bis 1975 im Dienst. Nachdem die alte Optik ausgebaut wurde, ist die grüne Laterne nun leer. Die wichtige Aufgabe des kleinen rot-braunen Leuchtturms wurde 1975 von seinem „großen Bruder“ KAMPEN übernommen, aber der ROTE KLIFF wird heute noch als Tagesmarke von den zahlreichen Segelbooten und Surfern genutzt.

Nicht weit entfernt vom alten Leuchtfeuer, ungefähr 800 Meter Luftlinie in südöstlicher Richtung, treffen wir auf den großen Leuchtturm KAMPEN (54°57’N/8°21’E). 1855 hatte der dänische König Frederik VII den Auftrag gegeben, einen Leuchtturm auf Sylt zu bauen. Baumaterial bildeten gelbe Backsteine, die von der dänischen Ostseeinsel Bornholm heran geschafft worden sind. Bevor das Leuchtfeuer 1956 aber in Betrieb genommen werden konnte, wurde seine große Optik, eine Fresnel Linse 1. Ordnung, der interessierten Öffentlichkeit auf der Weltausstellung in Paris präsentiert.
KAMPEN (B 1740) ist 38 Meter hoch, hat aber eine Feuerhöhe von stolzen 62 Metern, da der Turm auf einer Sanddüne steht. Das weiße Licht von KAMPEN hat eine Tragweite von 20 Seemeilen , das rote Licht von 16. Trotz seiner massiven Bauweise musste der Turm 1875 mit einem schwarzen Korsett aus Eisenstangen verstärkt werden, um ihm die erforderliche Stabilität zu geben. Seit 1977 ist das größte Leuchtfeuer der Insel automatisiert.

An der Nordspitze von Sylt, mitten im Naturschutzgebiet „Ellenbogen“, wo viele seltene Vogelarten ihr Zuhause haben, steht Deutschlands nördlichster Leuchtturm LIST-WEST (55°03’N/8°24’E, B 1746). Auch dieser Turm wurde 1865-57 zusammen mit seinem „Zwillingsbruder“ LIST-OST (55°03’N/8°27’E, B 1748) unter dänischer Regentschaft erbaut. Beide Türme sind seit 1858 im Dienst und markieren die Schifffahrtslinie zum dänischen Hafen Rönö. Sie wurden ebenso wie HÖRNUM aus Eisenplatten zusammegesetzt. Wie bereits vorher erwähnt, ermöglicht diese Bauweise nicht nur einen Standortwechsel, sie hat auch den Vorteil einer relativ kurzen Bauzeit und geringer Kosten.

LIST-WEST ist 11 Meter hoch, hat eine Feuerhöhe von 19 Metern und eine maximale Reichweite von 14 Seemeilen mit seinem weißen Licht.
LIST-OST (13 Meter, Feuerhöhe 22 m und 14 Seemeilen Tragweite) steht an einem Punkt der Insel, der für seine interessante Windkonstellation bekannt ist . Deshalb ist dieser Platz auch beliebt bei den Windsurfern. Jedes Jahr trifft sich dann hier auch die Elite der Windsurfer , um verschiedene Weltcuprennen auszutragen. Lange Jahre wurden die beiden Leuchttürme im Ellenbogen von Kampfflugzeugen der Luftwaffe und Marine als Orientierungspunkte genutzt, wenn sie in ihrem Zielanflug in ein Übungsgebiet über der Nordsee waren. Heute gibt es über den Sanddünen keinen Düsenlärm mehr und die Ruhe der Seemöwen wird zum Glück nur noch durch die wandernden Touristen oder andere verrückte Menschen wie mich gestört, die nach Leuchttürmen suchen.



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